Im Frühjahr 1997 entdeckten wir - als Pfand in einer hoch vergitterten Box zurückgelassen, mehr oder minder auf schwarzem Untergrund stehend, mit Mistkrusten an den verschiedensten Stellen – wunderschöne große Pferdeaugen, verdeckt von einer üppigen, langen Mähne und das dazugehörende Pferd – ein Kalti namens Ollie.
Unbeeindruckt vom vorhandenen Erscheinungsbild – aber beeindruckt von den Augen und dem Ausdruck dieses Pferdes – fiel die Entscheidung, mehr von diesem Pferd sehen und wissen zu wollen.
Putzen, Führen, alles was man so macht – die Ruhe und Gelassenheit trotz umhertollender Kleinkinder und Hunden - natürlich auch rund herum und unterm Pferd - war beeindruckend.
Die Entscheidung zu einem Proberitt fiel nicht schwer.
Das Gefühl – dieses „Ich-bin-angekommen“ - beim ersten Mal auf Ollies Rücken werde ich nicht vergessen und hat mich all die Jahre begleitet.
Nach Sissi – unserer Kaiserin – hatten wir jetzt nun Ollie – unsere Königin.
Die erste Zeit gemeinsam war geprägt von einem „Sich-finden“ sowie „Wir werden ein Team“ aber natürlich auch von dem Wunsch, mehr über das Vorleben zu erfahren.
Mit ihren gerade mal fünf Jahren hatte Ollie – im Landgestüt Axien (Sachsen) geboren - als Fohlen mit ihrer Mutter die Reise in Rheinland angetreten. Als Dreijährige bekam sie selbst ein Fohlen – und wechselte mehrfach den Besitzer, damit verbunden lernte sie wohl auch unterschiedlichste Formen von Umgang und Ausbildungsmethoden kennen.
Letztendlich kannte und konnte Ollie nicht wirklich viel. Vor Wasser und Sprühflaschen ängstlich, wohl versucht einzufahren – mit dem Erfolg der Panik vor Peitschen und Gerten wie allem was um die Hinterbeine geht – hatte man Ollie auf einem Feld „eingeritten“ – was bedeutete, dass sie einen Reiter im Sattel duldete und mehr oder weniger die Grundgangarten kannte.
Ollie hat mich vieles gelehrt – Ruhe und Gelassenheit, Ausdauer und Geduld. Gemeinsam haben wir gelernt, mit Dingen umzugehen und neue Sachen, neue Wege zu erforschen. Gerade deswegen haben wir zueinander gefunden und gemeinsam Ängste gemeistert, neue Dinge erlernt und wurden ein Team.
Und letztendlich ist es auch Ollie gewesen, die mit ihrer Art dazu beigetragen hat, dass auch Birgit dem Kaltblutvirus verfallen ist und so Minchen – im Jahr darauf - zu uns kam.
Minchen und Ollie – vom ersten Tag an waren die beide die dicksten Freunde. Immer zusammen, möglichst niemals alleine. Obwohl in der Herde deutlich über Minchen stehend – zwischen den beiden gab immer Minchen die Richtung an – mit Ollies Duldung.
Gemeinsam haben wir vier vieles erlebt – anfänglich viele Ausritte, nach unserem Wechsel in den Offenstall zusätzlich eine grundsolide Dressurausbildung. In allem was wir machten, zeigte sich Ollie begeistert, meist sensibel – aber das eine oder andere Mal auch sturköpfig – aber immer lernwillig.
Unvergessen ist unser zweiwöchiger Urlaub mit den beiden Dicken in der Lüneburger Heide. Zwei Wochen lang die Dicken um uns rum. Zwei Wochen jeden Tag mit den Pferden die Natur genießen.
Viele Momente sind unvergessen und würden für mindestens ein Buch ausreichen.
Einen zweiten Band wird es leider nicht geben.
Schon kurz nach dem Ollie in unsere Familie kam, fingen die ersten kleinen Beschwerden an. Undefiniertes Ticken – mal links mal rechts. Kein wirkliches Lahmen – und auch nicht immer.
Eine Untersuchung brachte heraus, dass Ollie in beiden Vorderhufen eine starke Hufknorpelverknöcherung hatte – an sich nichts Schlimmes und auch meist nicht zur Lahmheit führend. Im Laufe der Jahre wurde es aber immer schlimmer und immer häufiger traten Ticken und Lahmheitserscheinungen auf.
Im Sommer vor fünf Jahren kam der Tag, an dem Ollie mir nicht mehr entgegenkam, als ich sie zum Reiten von der Weide holen wollte. Für mich ein Zeichen, dass ihr das „Geritten-werden“ keine Freude, sondern überwiegend Schmerzen bereitet.
Was tun ? Ein ansonsten kerngesundes Pferd einschläfern kam nicht in Frage. Schweren Herzen wurde Ollie in „Rente“ geschickt - darauf achtend, dass es ihr weiter gutging und den Krankheitsverlauf weiter beachtend.
Das Leben in der Herde war kein Problem. Sie konnte toben und spielen und genoss sichtlich den Sommer und hatte auch im Winter keine nennenswerten Probleme.
Wir haben in dieser Zeit sehr viele verschiedene Dinge vom Boden aus gemacht, um die „alte“ Dame wenigstens kopfmäßig fit zu halten. Hin und wieder sind wir sogar eine kleine Runde im Schritt geritten.
Bedingt durch die Hufknorpelverknöcherung vorne konnte sie nie wirklich richtig untertreten, was letztendlich zu Arthrose in den Hinterbeinen führte. Trotz der Kortisondepots, die Ollie seit einem Jahr gegen die Schmerzen bekam, fiel ihr das Gehen immer schwerer.
Auch wenn andere Menschen der Meinung waren, dass Ollie – unbestreitbar – noch gut am Herdenleben teilnahm und auch sonst kopfmäßig fit war, uns blutete das Herz zu sehen, wie sie sich bewegte, teils im Hasengalopp der Herde hinterherlief.
Zu warten, dass Ollie auch kopfmäßig altert, ließ das Krankheitsbild nicht zu. Und zu warten, bis Ollie sich dann wirklich nicht mehr hätte bewegen können oder wollen, konnten und wollten wir nicht mit unserer Ansicht von Verantwortung einem geliebten Tier gegenüber vereinbaren.
Nach vielen Tränen und schlaflosen Nächten entschlossen wir uns, Ollie von den Schmerzen zu erlösen und den letzten Gang zu gehen….
Es ist nicht, dass du nicht mehr da bist - aber es ist, dass du nicht mehr wiederkommst.
Es ist nicht, dass wir nicht mehr gemeinsam durchs Leben gehen - aber es ist, dass du am Ziel bist und ich dich nicht mehr erreichen kann.
Es ist nicht, dass mich dein Wiehern nicht mehr ruft - aber es ist, dass dein Schweigen ewig ist.
Es ist nicht, dass meine Hand dein Fell nicht mehr berühren wird - aber es ist, dass meine Hand, suchend nach dir ins Leere greift.
Es ist nicht, dass ich deinen warmen Atem auf meiner Haut nicht mehr fühle - aber es ist, dass dein letzter Hauch mit dem Wind davongetragen wurde.
Es ist nicht, dass dein Platz in meinem Herzen leer ist – er bleibt dir für immer - aber es ist, dass mir das Herz schwer wird, wenn ich an dich denke ...
Liebste Ollie,
Danke für die Zeit mit Dir - Danke, für Alles !
Du wirst immer in unseren Herzen sein !!!
Wir sehen uns wieder - irgendwann - auf der anderen Seite der Regenbogenbrücke ...